GESETZLICHE GRUNDLAGEN

Familienbildung im Kontext des SGB VIII: Kinder- und Jugendhilfe

Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und Beratung e.V. (AGEF e.V.) – Familienbildung als Angebot der Jugendhilfe (2008)

"Das KJHG geht in seinen Vorstellungen vom Primat der Familienerziehung aus, sieht aber deren adäquate Gewährleistung nicht allein als abhängig von den pädagogischen Einstellungen und Kompetenzen der Eltern an, sondern auch von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, auf deren positive Gestaltung Jugendhilfe aufgefordert ist, Einfluss zu nehmen. Damit folgt das KJHG dem Gedanken der Subsidiarität, mit welchem nicht allein auf das jeweils kleinere und unmittelbare 'soziale System' (hier: die Familie) abgestellt wird, welches zur Leistungserbringung in der Lage ist, sondern auch die Förderung und Unterstützung seitens der weiteren und größeren Sozialsysteme betont, die für die Leistungserbringung die notwendigen Voraussetzungen zu erbringen verpflichtet sind.(...)

Gerade unter dem gegenwärtigen Strukturwandel von Familie, welcher gleichermaßen Prozesse der Pluralisierung von Lebensformen und des Wertewandels ('Enttraditionalisierung') umfasst (...), stellen sich die Forderungen an die Gestaltung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen radikal neu. Dem entspricht, dass die Leistungen der Familienbildung nicht einem bestimmten Familientypus vorbehalten sind, sondern sich an unterschiedlichen familialen Lebenslagen orientieren.(...)

Wenn Jugendhilfe ernsthaft dazu beitragen soll, 'positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen' (§ 1 Abs. 3 Nr. 4 KJHG), müssen entsprechende Leistungsangebote durch die öffentliche Jugendhilfe – in Zusammenarbeit mit den Trägern der freien Jugendhilfe (vgl. §§ 3–5 KJHG) geschaffen werden.
Derartige vorbeugende Angebote müssen früher einsetzen als die auf Unterstützung zur Vermeidung von Krisensituationen abgestellten Jugendhilfeleistungen (insbesondere §§ 17–20 KJHG).

Bereits nach dem 7. Jugendbericht (BMFSFJ 1986)enthält die 'Familienarbeit' als zentral umfassende Jugendhilfeleistung sowohl Elemente der Erwachsenenbildung, der Erziehungsberatung, der Jugendarbeit und der Arbeit mit Kindern als auch Elemente der Familiengruppenarbeit, der Stadtteilarbeit und der Gemeinwesenarbeit. Unterstützende Aktivitäten und Angebote zur Gestaltung von Lebensverhältnissen für Familien existieren in vielfältigen informellen und institutionellen Kontexten."

(Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und Beratung e.V. (Hg.), 2008, Familienbildung als Angebot der Jugendhilfe. Rechtliche Grundlagen. Familiale Problemlagen. Innovationen. Zweite, vollständig überarbeitete Auflage. Elmshorn, S. 6ff. und online unter www.bmfsfj.de)






Subsidiarität






Pluralisierung









§§ 3–5 KJHG
(Zusammenarbeit
öffentliche – freie
Träger der Jugendhilfe)








in vielfältigen
informellen und
institutionellen
Kontexten

nach oben

 

John, Barbara - rechtliche Grundlagen der Familienbildung auf Länderebene (2003)

"Gemäß § 16 Absatz 3 SGB VIII regelt Näheres über Inhalt und Aufgaben des Kinder-und Jugendhilfegesetzes das jeweilige Landesrecht. Mittlerweile existieren in allen 16 Bundesländern Gesetze zum Kinder- und Jugendhilferecht. Die Familienbildung wird dabei nicht in allen dieser Ländervorschriften explizit als Leistung der Jugendhilfe aufgeführt. Häufig sind die Aufgaben und Leistungen in allgemeingültiger Form gehalten.
Ebenfalls als Rechtsgrundlage relevant sind - zumindest in einigen Bundesländern - Erwachsenen- bzw. Weiterbildungsgesetze. Darüber hinaus existieren in einigenLändern weitere Richtlinien zur Familienbildung. Beispiele hierfür sind die Hamburgische Globalrichtlinie 'Familienförderung und -beratung im Rahmen der Jugendhilfe' oder die 'Richtlinie über die Gewährung von Zuwendungen zur Förderung von Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatungsstellen im Land Sachsen-Anhalt'.
Die finanzielle Förderung durch die Länder erfolgt in aller Regel nach Maßgabe des Haushaltsplans und unterliegt daher Konjunkturschwankungen und dem länderspezifischen, familienpolitischen Stellenwert."

(John, B.,2003, Familienbildung in Baden-Württemberg. Familienwissenschaftliche Forschungsstelle. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg. www.statistik.baden-wuerttemberg.de)
Ausführungsgesetze zum KJHG auf Länderebene






Erwachsenen- und Weiterbildungsgesetze als rechtliche Grundlage von Familienbildung


Weitere Richtlinien

nach oben

 

Textor, Martin R., Familienbildung als Aufgabe der Jugendhilfe (2001)

Für Familienbildung im Sinne des § 16 SGB VIII (...) sollten in Zukunft die Landkreise und kreisfreien Städte bzw. die Kreis- und Stadtjugendämter eine stärker organisierende und koordinierende Funktion übernehmen. Damit entsprächen sie auch den Vorgaben des Kinder- und Jugendhilfegesetzes: Nach § 79 Abs. 1 SGB VIII tragen sie neben den überörtlichen Trägern die Gesamtverantwortung für die Jugendhilfe. Somit müssen sie gewährleisten, dass die zur Erfüllung der Aufgaben nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz 'erforderlichen und geeigneten Einrichtungen, Dienste und Veranstaltungen den verschiedenen Grundrichtungen der Erziehung entsprechend rechtzeitig und ausreichend zur Verfügung stehen' (§ 79 Abs. 2 SGB VIII), wozu auch die Leistungen nach § 16 SGB VIII gehören. Durch Jugendhilfeplanung müssen sie den Bedarf an solchen Einrichtungen und Diensten ermitteln und die zu dessen Befriedigung notwendigen Maßnahmen treffen (§ 80 Abs. 1 SGB VIII). In allen Phasen der Jugendhilfeplanung haben sie die anerkannten Träger der freien Jugendhilfe frühzeitig zu beteiligen (§ 80 Abs. 3 SGB VIII). Diese können zudem über den Jugendhilfeausschuss Einfluss nehmen (§§ 70, 71 SGB VIII)."

(Textor, Martin R., 2001, Familienbildung als Aufgabe der Jugendhilfe. Ergänzende Fassung eines Referats auf der Arbeitstagung "Familienbildung als Aufgabe der Jugendhilfe" des Sächsischen Landesjugendamtes am 16.01.2001 in Chemnitz, www.familienhandbuch.de).

§ 79 Abs. 1 SGB VIII (organisierende und koordinierende
Funktion des
öffentlichen Trägers)



§ 79 Abs. 2 SGB VIII (rechtzeitiges und ausreichendes zur Verfügung stehen von ...)

§ 80 Abs. 1 SGB VIII (Jugendhilfeplanung)

§§ 70, 71 SGB VIII (Jugendhilfeausschüsse)

nach oben

 

Schäfer, Klaus, - Auftrag und Charakter von Familienbildung als Teil der Jugendhilfe (1991)

"Familienbildung des KJHG ergänzt vorhandene Ansätze der Weiterbildung, hat aber einen originären sozialpädagogischen Auftrag und grenzt sich dadurch wiederum von ihnen ab. " (Schäfer 1991, S. 4)

"Das KJHG geht, nimmt man den § 1, von einem Recht eines jeden jungen Menschen auf Entwicklung seiner Persönlichkeit, d.h. auf Erziehung aus. Dieses zu sichern ist die zentrale Aufgabe der Jugendhilfe der sich auch die Familienbildung stellen muss. Sie ist ein Leistungsbereich im Gesamtsystem Jugendhilfe mit spezifischen Methoden und Ansätzen. (...)(Schäfer 1991, S. 5)

Ein "Grundsatz des KJHG bezogen auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und ihren Familien (ist) das präventive Handeln. Dies könnte zu dem Schluss führen, dass jegliches Handeln nach dem KJHG – also auch die Familienbildung – auf das Vorbeugen gegen Defizite, Benachteiligungen etc. angelegt sein muss. In der Praxis zeigt sich bereits, dass eine solche Auslegung vor allem bei der Entscheidung über Förderschwerpunkte teilweise favorisiert wird. Demgegenüber neige ich dazu, dass Prävention nur ein Gesichtspunkt ist, den es zu berücksichtigen gilt, keineswegs aber der herausragendste. Denn dann hätte ein solches Verständnis auch immer etwas Diskriminierendes an sich, so, als ob ohne Familienbildung die Menschen nicht den Alltag bewältigen und ihr Leben eigenverantwortlich gestalten könnten. Demgegenüber aber könnte ein Präventionsverständnis dahingehend, dass etwa die Familienbildung selbstverständlicher Teil einer sozialen Infrastruktur sein muss, mehr den Leistungscharakter der Angebote unterstreichen und den Zugang zu ihr offener gestalten helfen.

Gegen eine enge Auslegung des Präventionsgedanken spricht auch der Grundsatz des KJHG bei der Sicherung einer kinder- und familienfreundlichen Umwelt mitzuwirken. Gerade diesem in § 1 Abs. 3 KJHG festgeschriebenen sozialen Gestaltungsauftrag liegt ein neuer Ansatz der Familienbildung begründet. Danach ist es Aufgabe der Jugendhilfe insgesamt:

  1. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen
  2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen
  3. Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen und
  4. dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.

Gerade die in § 1 Abs. 3 Nr. 4 normierte Aufgabe bedeutet, dass Jugendhilfe und damit auch die Familienbildung über die Behebung individueller Probleme hinaus vor allem im äußeren Bereich günstige Entwicklungsfaktoren schaffen zu helfen. (Schäfer 1991, S. 5 f.)

Familienbildung muss "auch im Kontext von Kommunalpolitik agieren und Partei ergreifen, bzw. die Menschen zum Mitschaffen anregen und gewinnen. Dieser Prozess bedeutet Einmischung in andere Politikbereiche, nicht als Nabel der Welt im Sinne von Allzuständigkeit für Stadtgestaltung und Stadtentwicklungsprozesse, sondern im Sinne von Einbringen spezifischer Interessen und Anliegen junger Menschen und ihrer Familien." (Schäfer 1991, S. 6)

Das bedeutet, Lebenswelten gestalten helfen (Stadtgestaltung, Stadtentwicklung, Wohnen, Verkehr, Berufstätigkeit). Damit sind neue sehr hohe Anforderungen an die Familienbildung gestellt, die auch auf eine Erweiterung ihres Bildungsverständnisses hinweisen (vgl. Schäfer 1991, S. 6 f.).

"Dies bedeutet aber auch, dass Familienbildung ein selbstverständlich zur Verfügung stehender Leistungsbereich im System kommunaler Jugendhilfe sein muss. Sie ergänzt, da sie als Teil des Handlungssystems Jugendhilfe gesehen werden muss, auch andere auf die Familie bezogenen Leistungen wie z.B. Beratung und die sozialpädagogischen Hilfen." (Schäfer 1991, S. 7)

(Schäfer, Klaus, 1991, Aspekte zum neuen KJHG unter Berücksichtigung der Länderausführungsgesetze für die Arbeit der Familienbildungsstätten. In: AGEF, 1991, Tagungsdokumentation, das Profil der Familienbildung in den 90ern zwischen Gesetzesauftrag, neuen Konkurrenten und Sozial-Sponsoring. Elmshorn)
sozialpädagogischer Auftrag










Präventionsverständnis




























Leistungscharakter





§ 1 Abs. 3 KJHG (sozialer Gestaltungsauftrag)




Einbringen spezifischer Interessen und Anliegen




Erweiterung ihres Bildungsverständnisses




Teil des Handlungssystems Jugendhilfe

nach oben